
4
»Du könntest mir ruhig helfen!«, knurrte ich Magoth an, als der Diebesfänger mich zur Eingangstür des Gebäudes zerrte.
Magoth zog ungläubig seine lackschwarzen Augenbrauen in die Höhe. »Und dir damit die Freude verderben, wenn du dieser Prüfung entkommst? Ich will dich doch nicht um dein Vergnügen bringen, süße May.«
Ich packte die Hand, die mir den Hals zudrückte, und warf mich zur Seite, um den Mann aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber anscheinend beherrschte er die Kunst des Kampfsports, denn er geriet nicht ins Wanken, sondern zog mich immer näher zum Eingang von Suffrage House. »Das werde ich nicht vergessen, Magoth.«
»Ja, ich werde auch immer an unseren Abschied denken«, erwiderte er, wobei er mich absichtlich falsch verstand. »Sie sollten besser aufpassen«, sagte er zu meinem Angreifer. »Sie beißt.«
Ich wollte gerade den Kopf drehen, um meine Zähne in den Arm des Mannes zu schlagen, hielt aber inne, um Magoth einen wütenden Blick zuzuwerfen. Er warf mir einen Kuss zu und schlenderte den Bürgersteig entlang.
»Du machst es dir nur noch schwerer«, grunzte der Mann und schleppte mich zwei Stufen hinauf. Ich wehrte mich und versuchte, mich seinem Griff zu entwinden. Einen Moment lang wurde ich sogar zum Schatten, aber der Diebesfänger war anscheinend darauf vorbereitet, dass ich eine Doppelgängerin war.
»Wenn du nicht aufhörst, bin ich gezwungen, dich bewusstlos zu schlagen«, warnte er mich.
»Das habe ich alles schon erlebt«, grollte ich, drehte mich um und rammte ihm mein Knie zwischen die Beine. Gleichzeitig traf meine Faust seine Nase. Er röchelte schmerzerfüllt und ließ mich los, um die Hände instinktiv schützend vor sein Geschlecht zu legen. Ich warf mich zur Seite, rannte die Treppe hinunter und war gerade über eine kleine Mauer gesprungen, als mich erneut etwas im Rücken traf und zu Boden warf.
»Langsam wird es langweilig«, murrte ich, als mir schon wieder die Arme auf den Rücken gedreht wurden.
»Ich habe sie«, brüllte eine Frauenstimme hinter mir. Ich wollte mich aufrappeln, aber die Frau hielt mich unerbittlich fest. »Lauf hinein und hol die Wachen.«
Die fröhliche Stimme konnte nur einer Person gehören.
»Sally!«, zischte ich empört. »Was machst du da?«
»Schscht! Ich rette dich! Spiel mit!«
»Sie gehört mir!«, schrie der Diebesfänger, aber seine Stimme klang schmerzerfüllt. Anscheinend spürte er die Nachwirkungen meines Befreiungsschlags noch.
»Ich habe auch nicht vor, dir deinen Fang streitig zu machen«, erwiderte Sally amüsiert. »Ich habe nur zufällig mitbekommen, wie sie dich in deinen Ort der Freude getreten hat. Hol die Wache, ja? Ihrem absolut scheußlichen Outfit nach zu urteilen werden wir viel Hilfe brauchen.«
Ich drehte den Kopf und blickte zur Treppe. Der Diebesfänger stand unentschlossen herum. Einerseits wollte er mich mit hinein nehmen, andererseits hatte ich ihm so wehgetan, dass Sallys Hilfe ihm gelegen kam.
»Beeil dich«, drängte Sally und ließ meine Hände los, sodass ich beinahe aufstehen konnte. »Sie läuft sonst weg.«
Der Diebesfänger zögerte nicht länger. Er wirbelte herum und rannte die Treppe hinauf. Noch bevor sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wurde ich hoch gezerrt und nicht gerade sanft die Treppe hinuntergeschubst.
»Du beeilst dich besser, Süße. Wahrscheinlich wird er nicht allzu lange brauchen, um Hilfe zu holen.«
Ich blickte die Frau, die hinter mir stand, an. Ihre Tat und das freundliche Lächeln auf dem Gesicht verwirrten mich.
»Warum hilfst du mir?«
»Dummchen! Du bist Magoths Gemahlin.«
Ihren plötzlichen Sinneswandel kaufte ich ihr nicht ab. Sie schubste mich erneut, und dieses Mal setzte ich mich in Bewegung. Sie folgte mir und sagte dabei: »Und außerdem sind das die Guten, und ich kann es nicht ertragen, sie gewinnen zu sehen.«
Das hörte sich vernünftig an. Ich rannte den Bürgersteig entlang und bog in die kleine Gasse ein, in der Magoth und ich in die sterbliche Welt gekommen waren. Hinter uns wurden Rufe laut. Offensichtlich hatte der Diebesfänger gemerkt, dass ich nicht mehr da war.
»Lauf Sie sind direkt hinter uns!«, drängte Sally mich und blieb mir dicht auf den Fersen.
Wir rannten durch die Straßen von Paris, und ich wendete jeden einzelnen Trick an, den ich beherrschte, um keine Spur zu hinterlassen. Wir kletterten Feuerleitern hinauf und liefen durch Gebäude, nahmen Abkürzungen durch Höfe und winzige Pariser Gärten, bis ich das Gefühl hatte, dass meine Lungen gleich platzen würden und ich keinen einzigen Schritt mehr tun könnte.
»Ich glaube, wir haben sie abgehängt«, sagte Sally schließlich.
Wir lehnten uns an den Eingang eines schmutzigen Gebäudes.
»Ich will nur hoffen, dass du das auf meinem Bewertungsbogen erwähnst. Das sollte mir beaucoup Extrapunkte einbringen.«
»Auf jeden Fall«, erwiderte ich und richtete mich auf, damit mein Seitenstechen aufhörte. »Wohin gehst du jetzt, wo Magoth in dieser Welt ist?«
Sie richtete sich ebenfalls auf und musterte ihr Spiegelbild in einem schmutzigen Fenster. »Ich habe noch zwei Wochen mit euch vor mir, also sehe ich zu, dass ich ihn ausfindig mache. Bis später, Süße.«
»Aber Sally war weg, bevor ich die Chance hatte, ihr noch eine Frage zu stellen. Einen Moment lang blickte ich ihr nach, bis sie in den länger werdenden Schatten des Nachmittags verschwunden war. Dann tat ich es ihr auf meine Weise nach und tauchte in die Schattenwelt ein. Ich kannte nur ein sicheres Haus in Paris, und dorthin begab ich mich.
»Hallo. Ich bin May Northcott. Ist Gabriel vielleicht da?«, fragte ich eine halbe Stunde später, als die Tür aufging.
Die Frau an der Tür blinzelte verwirrt aus grünen Augen, dann lächelte sie und bat mich ins Haus. »Willkommen, May. Drake und Gabriel sind gerade zurückgekehrt. Du findest sie...«
Eine Tür ging auf. Ich nahm mir nicht einmal mehr die Zeit, Suzanne, dem grünen Drachen, zu danken, sondern rannte auf den Mann zu und warf mich mit einem Freudenschrei in seine Arme. »Gabriel«, flüsterte ich in seinen Mund, als ich ihm die Luft direkt aus den Lungen küsste.
Er erwiderte meinen Kuss so leidenschaftlich, dass ich seine Antwort nicht verstehen konnte. Er schlang die Arme um mich und hob mich hoch, sodass unsere Münder auf gleicher Höhe waren. Ich fuhr mit den Fingern durch seine weichen, schulterlangen Dreadlocks und zupfte so lange daran herum, bis er mir gab, was ich wollte. Drachenfeuer, so heiß wie sein Mund, wirbelte um uns herum in einem Tanz aus Licht und Schatten. Sein Geschmack, sein Körper, der sich an meinen presste, und sein Duft drangen tief in mich ein und lösten etwas aus, das ich in den letzten Wochen sorgsam weggesperrt hatte.
»Gefährtin«, stöhnte er, als wir uns voneinander lösten, um Luft zu schnappen.
»Du weißt gar nicht, wie sehr ich das vermisst habe«, sagte ich.
»Ich habe dir so viel zu erzählen. Übrigens hat mir Sally, die Kandidatin für den Posten eines Dämonenfürsten, eben geholfen.«
»Später«, erwiderte er, und sein Gesicht zuckte, als habe er Schmerzen.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte ich besorgt. Hoffentlich hatte er in Abbadon keine Wunden davongetragen.
»Haben Magoths Dämonen dich verletzt?«
»Nein. Ich brauche dich, Mayling.«
Lächelnd drückte ich meine Lippen auf seine. »Du hast mir auch gefehlt. Es ist so viel passiert, seit du mich gerufen hast.
Dieses Kleid hier und diese Show, die Magoth von mir verlangt hat. Du musst wissen, dass ich nichts damit...«
»Du verstehst nicht«, sagte er rau. »Ich brauche dich, May. Jetzt. Auf der Stelle.«
Der schmerzliche Ausdruck auf seinem Gesicht verstärkte sich, und ich musste unwillkürlich lächeln. Ich rieb meine Hüften an seinen. »Ach so! So brauchst du mich.«
Er stöhnte erneut. »Du quälst mich.«
»Nur ein bisschen. Jedenfalls nicht allzu viel, weil ich mich auch schon darauf freue, an den Aktivitäten teilzunehmen, die dir durch den Kopf gehen...«
Mehr Zustimmung brauchte er nicht. Ohne ein weiteres Wort nahm er mich auf den Arm und wandte sich zur Treppe, die in die oberen Stockwerke führte.
Ich blickte über seine Schulter. Ein großer dunkelhaariger Mann mit grünen Augen hatte die Halle betreten. »Hallo, Drake. Wie geht es Aisling?«
Drake verbeugte sich. »Guten Tag, May. Aisling ruht sich gerade aus. Ich sage ihr, dass du dich nach ihr erkundigt hast.«
»Danke. Ich freue mich schon darauf, wieder mit ihr reden zu können.« Ich blickte Gabriel an. »Später.«
»Viel später.« Drakes Stimme folgte uns, als Gabriel oben an der Treppe nach links zu unserem Zimmer ging. Ich hätte schwören können, dass Drake leise lachte, aber er hatte ein völlig ernstes Gesicht gemacht.
»Warte einen Moment«, sagte ich, als Gabriel die Schlafzimmertür hinter uns geschlossen hatte und mit mir zum Bett trat.
»Ich weiß ja, dass ihr Wyvern das Verlangen habt, körperlich mit eurer Gefährtin zusammen sein zu müssen, wenn ihr getrennt wart, und du weißt, dass ich deinem Wunsch danach nur zu gerne nachkomme. Aber da wir beide ebenfalls wissen, dass sich dann auch noch das letzte bisschen von meinem Verstand in Luft auflöst, könnten wir uns vielleicht vorher schnell noch ein wenig unterhalten, um uns gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen?«
Gabriel blickte mich an, als hätte ich mich plötzlich in einen Frosch verwandelt. Seine silbernen Augen waren so schön, dass ich am liebsten in ihnen versunken wäre.
»Es ist ja nur, weil wir so lange getrennt waren. Ich habe dir so viel zu erzählen, und ich möchte dich auch so vieles fragen. Wie ist es dir ergangen? Wo bist du gewesen? Wie geht es Maata und Tipene und allen anderen silbernen Drachen?« Ich legte ihm die Hand auf die Wange. Er schloss die Augen und genoss die Liebkosung. »Dass du dich physisch mit mir vereinigen willst, freut mich sehr, aber, Gabriel, ich will viel mehr, als nur Liebe mit dir machen. Ich möchte mit dir zusammen sein. Ich möchte wissen, was du denkst, was du getan hast, während ich weg war, und ich möchte dir erzählen, was mit mir passiert ist. Können wir uns nicht erst ein kleines bisschen unterhalten?«
»Nein«, sagte Gabriel einfach und warf mich aufs Bett.
Schweigend zog er sich aus. Gabriel war groß, mit langen, muskulösen Beinen und einer Brust, die gerade so behaart war, dass es sexy aussah, und Schultern, die so breit waren, dass ich dagegen zierlich und weiblich wirkte. Ich betrachtete all das und verwarf den Gedanken an eine Unterhaltung.
»Okay«, sagte ich und streckte die Arme aus. Zu meiner Überraschung stürzte er sich jedoch nicht sofort auf mich.
»Was ist los?«, fragte ich verwirrt.
Er blickte auf meinen Körper.
»Wenn dir das Kleid nicht gefällt, das hat Magoth ausgesucht, nicht ich. Ich hatte nichts damit zu tun...«
»Nein«, unterbrach er mich, und sein heißer Blick zog eine Feuerspur über meine Haut. Verlegen wand ich mich aus dem oberen Teil meines Kleids und bedachte ihn mit einem feurigen Blick. »Das ist es nicht«, sagte Gabriel, »obwohl ich zugeben muss, dass Magoths Kleidergeschmack...«
»Grauenerregend ist?«, vollendete ich Gabriels Satz. »Absolut grässlich und völlig unpassend?«
»Außergewöhnlich gut«, erklärte Gabriel, der nackt - und erregt - neben dem Bett stand und mich beobachtete.
»Darüber reden wir später noch. Ich möchte lieber wissen, warum du mich in diesem Moment nicht beglückst wie noch nie zuvor.« Plötzlich fiel mir eine ähnliche Situation ein. »Du regst dich doch etwa nicht immer noch über die Tatsache auf, dass wir nie genug Zeit für das Vorspiel haben, oder? Ich habe dir doch schon letztes Mal gesagt, dass das kein Thema ist.«
An seinem Kinn zuckte ein Muskel. »Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie war auch der Meinung, dass es nicht fair dir gegenüber ist, einen solchen Mangel an Selbstbeherrschung zu zeigen.«
Ich setzte mich auf und warf ihm einen finsteren Blick zu.
»Du hast mit deiner Mutter über unser Sexualleben geredet?«
Vorsichtig erwiderte er: »Sie hat gemerkt, dass sich etwas Grundlegendes in meinem Leben geändert hat. Sie freut sich darauf, dich kennen zu lernen. Hast du etwas gegen meine Mutter? Sie wird dir gefallen, Mayling. Sie ist überhaupt nicht wie Drakes Mutter. Sie würde nie versuchen, dich umzubringen.«
Verblüfft stand ich auf und trat zu ihm. »Darum geht es doch gar nicht. Es ist... Drakes Mom hat versucht, Aisling umzubringen?«
Gabriel runzelte die Stirn. »Mein kleiner Vogel, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über Aisling und Drake zu sprechen. Wir waren sechs Wochen getrennt, und ich muss mich mit dir vereinen. So ist das bei den Drachen eben.«
»Ich habe ja nicht mit seiner Mutter angefangen«, sagte ich und zeigte auf das Bett. »Ich habe dagelegen wie ein gefüllter Truthahn, aber du scheinst ja nur reden zu wollen.«
Wir blickten beide auf seinen Penis.
»Es ist nicht so einfach«, erwiderte er ernst. »Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher, als alle deine Wünsche und Fantasien zu erfüllen. Es mag ja ein bisschen schwierig sein, es mit dir auf dem Rücken eines Pferdes zu treiben, aber mit ein bisschen Übung müsste es gehen.«
»Das ist auch so was - warum kannst du meine schweinischen Gedanken lesen, ich deine aber nicht?«
»Das habe ich dir doch erzählt«, antwortete er und hielt meine Hand fest. Er streichelte sie zärtlich und setzte meine Fingerspitzen in Brand. »Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Ich weiß nicht, ob du das nicht auch könntest. Ich nehme es beinahe an.«
»Lass uns noch einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren du hast deine Mom um Rat in Sex-Angelegenheiten gefragt?«
Ich konnte es nicht fassen. »Gabriel, ich bin zwar unerfahren, aber hätten wir nicht darüber sprechen können, bevor du deine Mutter konsultierst?«
»Du bist nicht diejenige, die etwas falsch macht, Mayling. Das Problem liegt bei mir, und deshalb habe ich Rat bei meiner Mutter gesucht. Sie ist eine berühmte Schamanin. Selbst wenn sie nicht die Gefährtin eines Drachen wäre, hätte ich sie gefragt, denn sie kennt sich mit Drachen aus...«
»Nun, ich mag zwar nicht so viel Ahnung von Drachen haben, aber ich weiß genau, dass du gar nichts zu ändern brauchst. Außer vielleicht deinen Hang dazu, in der Gegend herumzustehen und mich wie ein hungriger Wolf anzustarren. Ein bisschen mehr Action und etwas weniger Gerede, Wyvern«, sagte ich und schlüpfte aus dem letzten Restchen Stoff, das noch um meine Taille hing. Meine Hände glitten über Gabriels Rücken.
Er erstarrte und zog scharf die Luft ein. »Meine Mutter hat gesagt, es sei egoistisch von mir, nur an meine eigenen Bedürfnisse zu denken, und selbst die genügsamste Frau brauchte Zeit und Aufmerksamkeit, um volle Befriedigung zu erlangen.«
Ich biss ihn in die Schulter. »Habe ich auf dich einen unbefriedigten Eindruck gemacht? Abgesehen von jetzt, natürlich.«
»Nein«, sagte er langsam. Seine Augen glänzten silbern vor Verlangen. »Aber du bist so klein und zierlich, und Drachenpaarungen sind nicht immer ungefährlich.«
Für meinen Geschmack hatte er jetzt wirklich genug geredet. Ich beschloss zu handeln und biss vorsichtig in seinen kleinen braunen Nippel.
»Sie sagte auch...« Gabriel stöhnte auf, als ich mit der Zunge um seinen Nippel fuhr. Er packte meine Schultern und schloss verzückt die Augen. »Sie sagte auch, es könne gefährlich sein, wenn ich mich in deiner Gegenwart nicht zurückhalten könnte. Du sähest mich nur als Mann, und ich müsste dafür sorgen, dass du meine wahre Tiefe erkennst. Das versuche ich ja, Vögelchen, aber langsam habe ich das Gefühl, dass es unmöglich ist. Du bist so sehr ein Teil von mir.«
Ich hörte auf, seinen Nippel zu quälen, und blickte ihn an. Seine Worte trafen mich mitten ins Herz.
»Hörst du auf?«, fragte er und öffnete überrascht die Augen.
Ich nahm sein Gesicht in beide Hände und blickte ihn forschend an. Aber er hatte tatsächlich die Wahrheit gesagt. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. Gabriel hatte mich noch nie angelogen. »Hast du das ernst gemeint?«, fragte ich.
»Was?«
»Dass du dich in meiner Gegenwart nicht beherrschen kannst, weil ich so sehr ein Teil von dir bin. Hast du das ernst gemeint?«
Er hob mich hoch und trug mich zum Bett. Dabei drehte er mich so, dass ich auf ihm saß, als er sich auf die Bettkante setzte.
»Ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich besäße die Fähigkeit, mich zu beherrschen, wenn ich mit dir zusammen bin, aber daran mangelt es mir offensichtlich.«
»Oh, Gabriel«, sagte ich und schmolz dahin. »So etwas Schönes hat noch nie jemand zu mir gesagt.«
»Schön?« Seine Grübchen blitzten auf. »Ich bin noch nie so einer Frau wie dir begegnet.«
»Einer Doppelgängerin, meinst du?«, fragte ich und ließ meine Hände an seinen Armen emporgleiten.
»Nein. Einer Frau, die meinen Mangel an Selbstkontrolle eher als positive Eigenschaft empfindet.«
»Das bedeutet, dass ich dir wirklich wichtig bin«, sagte ich und küsste ihn auf den Mundwinkel. »So sehr, dass du mir unbedingt deinen inneren Drachen zeigen musst, wenn wir uns lieben.«
»Du bist meine Gefährtin, mein Leben. Du bist mit mir verbunden. Du bist mir nicht nur wichtig, mein Vögelchen du bist der Grund, weshalb ich lebe.«
»Das«, erwiderte ich und drückte ihn aufs Bett, »ist nicht wahr, und das wissen wir beide. Aber angesichts der Tatsache, dass du der sexyste Drache bist, dem ich je begegnet bin, und ich wahrscheinlich sterben werde, wenn du mich nicht in den nächsten zehn Sekunden liebst, wollen wir es für jetzt dabei bewenden lassen.«
»Meine Mutter sagte...«, begann er, aber ich erstickte seine Worte mit einem Kuss.
»Ich liebe dich«, sagte ich. Ich war selbst überrascht. Gabriel riss die Augen auf. Eine Sekunde lang erstarrte ich und wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte, aber das Dilemma fand ein abruptes Ende, als er mich hochhob und mich auf seinen erigierten Penis setzte. Mit einem schnellen Stoß drang er tief in mich ein.
»Das Vorspiel kommt später«, grollte er und schloss die Augen vor Ekstase.
Er stieß schnell und hart in mich hinein, und ich stöhnte vor Lust, als er in Gegenden vordrang, die zu lange ohne ihn hatten auskommen müssen. Seine Hände lagen an meinen Hüften und drängten mich, mich immer schneller zu bewegen. Ich beugte mich vor, um ihn zu küssen.
»Ich will dich ganz, Gabriel.«
Er schlug die Augen auf. Sein Blick war so heiß, dass ich meinte, Flammen darin zu sehen. Aber sein Drachenfeuer kam aus seinem Mund, als er meinen Nippel zwischen die Lippen zog und meine Brust mit Feuer umhüllte, das über meine Haut tanzte, bis es uns beide umgab. Ich keuchte, als er seinen Kolben immer tiefer in mich hineintrieb, und sein Mund an meiner Brust machte mich fast wahnsinnig. Ich umklammerte ihn mit den Beinen und beobachtete erstaunt, wie sich seine braune Haut in schimmernde silberweiße Schuppen verwandelte. Sein Körper dehnte sich sowohl in der Länge als auch in der Breite und verwandelte sich auf eine Art, die mir fremd und vertraut zugleich war. Seine langen braunen Finger wurden zu silbernen Klauen mit gebogenen, blutroten Krallen. Ein Teil meines Gehirns wehrte sich dagegen, dass der Mann, mit dem ich schlief, gar kein Mann war - er war ein wildes Tier aber mein Herz kannte die Wahrheit.
Die Spannung baute sich in mir auf, bis ich den Kopf zurückwarf und mich ihm entgegenbog. Meine Muskeln umschlossen Gabriel mit einer Ekstase, die fast schmerzhaft war. Auch Gabriel brüllte seine Lust heraus, in einem schrecklichen Urschrei, der im Raum und in meiner Seele widerhallte, als ich meinen Namen in diesem Schrei erkannte. Und das Feuer sprang zwischen uns hin und her. Ich wusste mit jeder Faser meines Körpers, dass Gabriel und ich eins waren. Nichts und niemand würde jemals etwas daran ändern könnten - kein Dämonenfürst, keine Autorität in dieser oder einer anderen Welt. Gabriel war ein integraler Bestandteil von mir geworden, und dieser Gedanke erschütterte mich zutiefst.
»Mayling!«
Ich glitt von ihm herunter und ließ mich bäuchlings auf das Bett fallen. Die Decke schmiegte sich kühl an mein erhitztes Fleisch.
»Mein kleiner Vogel, habe ich dir wehgetan?«
Die Hand, die nach meiner Schulter griff, war wieder menschlich, die Finger lang und empfindsam. Ich legte meine Wange auf die Decke und genoss die letzten Schauer von Gabriels Aufmerksamkeiten.
Ich war gerade sechs Wochen von Gabriel getrennt gewesen und hatte es überlebt. Und doch wusste ich in diesem Moment ohne jeden Zweifel, dass ich ohne ihn nicht existieren konnte. Es war eine erschreckende Erkenntnis, und sie machte mich hilflos und wütend.
Er nahm die Hand von meiner Schulter. »Habe ich dir Angst gemacht?«, fragte er leise. Seine Stimme bebte.
Ich drehte den Kopf und sah ihn an. »Ja«, antwortete ich.
Schmerz trat in seine Augen. »Das tut mir leid. Ich will dir um nichts in der Welt Angst machen, aber ich kann die Verwandlung nicht kontrollieren...«
»Nein«, unterbrach ich ihn und setzte mich auf. »Das war nicht der Grund. Du meinst es ernst, nicht wahr?«
Er schwieg einen Moment, wahrscheinlich, um meine Gedanken zu lesen. »Ja, ich habe es ernst gemeint. Du bist mein Leben, May.«
»Aber du hast mir erzählt, dass du im siebzehnten Jahrhundert geboren wurdest. Wie konntest du dann dreihundert Jahre ohne mich leben?«
Er musterte mein Gesicht, dann beugte er sich vor und küsste mich zärtlich. »Vor dir habe ich nur existiert. Aber jetzt werde ich wirklich anfangen zu leben.«